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09.03.2010
Die Chaostage von Berlin
Die Chaostage von Berlin
Michael Pirro

Ich war eine Woche in Berlin bei der EPT und weiß diesmal nicht so recht, wie ich mit diesem Artikel anfangen soll. Nach den letzten beiden Chaosjahren in Dortmund hatte ich mich eigentlich auf die neue Location gefreut und war mir sicher, dass Berlin die richtige Stadt ist und die Organisation der EPT dieses Jahr auch sicherlich besser klappen wird als in den Vorjahren. Ein Glaspalast am Potsdamer Platz der nur für diese eine Woche dort aufgebaut wird, jede Menge Platz, das hörte sich wirklich gut an.

Gut zwei Wochen vor dem Turnier wurde bekannt, dass dies mit dem Glaspalast (angeblich aus statischen Gründen) nichts werden würde und stattdessen die EPT im Hotel Grand Hyatt direkt gegenüber der Spielbank Berlin stattfinden würde. Soweit so gut. Darüber hinaus wurde Anfang Februar bekannt, dass man außer für den Main Event keine Tickets im Vorverkauf erhält, sondern ein Kauf nur am Tag des Turniers vor Ort möglich ist. In meinem letzten Artikel vom 10.2. habe ich mich bereits skeptisch zu dieser Sache geäußert. Die Skepsis war berechtigt.

Die Woche begann am Montag mit dem Supersatellite zum Main Event. Start für den
Ticketverkauf sollte um 16.00 Uhr sein. Viele Spieler waren gegen 15.30 Uhr anwesend,
um irgendwann zu erfahren dass der Start auf 17.00 Uhr verschoben wurde, mit dem
Ticketverkauf begonnen wurde dann aber doch erst um 17.40 Uhr, Turnierstart sollte um 19.00 Uhr sein. Über 300 Spieler standen teilweise über 2 Stunden an um dann ein Turnier
für 550 € mit einem Starting Stack von 3.000 Chips zu spielen. Wer jetzt sagt, das sei
eine schlechte Struktur, der untertreibt. Das ist keine Struktur, sondern eine
Unverschämtheit. Niemand der sich mit Poker beschäftigt würde bei ein Freezeout-Turnier
ein Buy-In von 550 € bezahlen und dann mit einem Stack von 3.000 Chips
beginnen. Die EPT, sprich PokerStars kann sich aber solche Strukturen leisten, denn
immerhin geht es um Tickets zum Main Event von Deutschlands größtem Pokerturnier. Die mögliche eine Million Euro Preisgeld lässt viele über solche Defizite hinwegsehen.

Das Chaos vom Montag setzte sich am Dienstag fort, da war dasletzte Super Satellite
vorgesehen, Start um 20.00 Uhr. Bis kurz vorher hatte sich eine Schlange mit ca.400 (!!)
Spielern gebildet, denen dann nach langer Wartezeit mitgeteilt wurde, dass es aber nur
150 Tickets gibt. Ein weiteres Bravo auf die PokerStars Organisatoren, die
offensichtlich online in der Lage sind einen Teilnahmerekord nach dem anderen
aufzustellen, aber bei Liveturnieren nicht in der Lage sind 450 Spieler in einem
Turnier unterzukriegen. Seit Wochen macht PokerStars für die EPT Berlin Fernsehwerbung
und nun ist man nicht gerüstet und scheint überrascht, dass da auch Leute kommen. Es gab nur einen Turniersaal mit 50 Tischen, in denen aus Platzgründen meiner Meinung nach maximal 35 Tische reinpassen. An den ersten drei Turniertagen wurden im Übrigen die Zuschauer ausgesperrt, nur Pressevertreter und Spieler hatten Zugang. Der Grund ist klar mit Zuschauern wäre es noch enger im
Spielsaal gewesen.

Nun gut, nach Dienstag folgt Mittwoch und auch an diesem Tag wurde es selbstverständlich nicht besser. Turnierstart für das 330 € No Limit Holdem Turnier am Mittwoch war um 21.00 Uhr, so dass viele Spieler bereits deutlich vor 19.00 Uhr für ein Ticket anstanden, der Ticketverkauf startete um 20.00 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt wurde von der Organisation mitgeteilt, dass es ganze 75 Tickets gibt, weitere Tickets würden nicht verkauft. Geschätzte 200 Spieler haben zu diesem Zeitpunkt kein Ticket erhalten und zogen schlecht gelaunt ab. Nach und nach wurde unter den Anwesenden berichtet, dass jeweils 10 Tickets verkauft würden, sobald ein Tisch aufgelöst wird. Dieses Turnier wollte ich eigentlich auch spielen, allerdings hatte ich keine Lust 2 Stunden in der Schlange zu stehen um dann gesagt zu bekommen, dass es doch keine Tickets gibt. Als mich, ich glaube im 4. oder 5. Level, ein Freund anrief und sagte, dass er soeben noch ein Ticket gekauft hätte, machte mich auf den Weg zum Ticketcounter und erhielt tatsächlich das allerletzte Ticket für dieses Event. Am Ende waren es 132 Spieler und ich hatte an diesem Abend mein wirklich einzig positives Turniererlebnis während der Woche, denn ich habe das Turnier gewonnen.

Der traurige Höhepunkt der gesamten Woche war natürlich der Raubüberfall am Samstag.
Das Highroller-Turnier mit einem Buy-In von 10.000 € startete um 12.00 Uhr und das
NLH-Turnier mit einem Buy-In von 1.000 € startete zu dem gleichen Zeitpunkt, damit war
klar, zu welchem Zeitpunkt das meiste Geld am Ticketschalter vorhanden ist. An allen Tagen waren exakt 5 Sicherheitsleute in Zivil vor Ort, die alle komplett unbewaffnet waren. Allerdings waren diese nicht nur dort im Einsatz wo sich das Geld befand, sondern im gesamten Gebäude, teilweise hab ich auch den ein oder anderen gegenüber in der Spielbank gesehen. Ich habe mich mit mehreren Leuten unterhalten die etwa eine Stunde vor dem Überfall an dem späteren Tatort waren. Laut diesen Aussagen waren die Geldscheine hinter den Tischen offen aufgebaut und zur Schau gestellt, keine bewaffnete Security und auch keine Security vor den Eingängen zum Hotel. Wo viel Geld ist, gibt es auch Leute, die versuchen an das Geld ranzukommen, dass dies mitten im Herzen Berlins passiert, ist zwar spektakulär, aber nicht verwunderlich.

PokerStars verdient Milliarden, veranstaltet große Liveturniere und ist nicht in der Lage die Spieler zu schützen. Eine dilettantische Organisation ist eine Sache, aber die Spieler durch katastrophale Sicherheitsmaßnahmen in Lebensgefahr zu bringen eine andere. Man muss sich die Situation vor Ort natürlich viel dramatischer vorstellen, als es sich im Nachhinein herausgestellt hat. Es kamen Leute in den Turniersaal gerannt, die „Überfall“ riefen. Die Spieler wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, ob es die Täter nur auf das Geld am Ticketcounter abgesehen haben, das Geld in den Taschen der Spieler, oder ob es sich um Terroristen, einen Anschlag, eine Geiselnahme oder um einen Amoklauf handelt, entsprechend groß war die Panik. Die Spieler sind in Todesangst unter die Tische gekrochen, zu diesem Zeitpunkt fiel das Licht aus. Jemand der nicht dabei war, kann sich nicht in diese Situation versetzen. Heute wissen wir, dass es die Täter „nur“ auf das Geld am Ticketcounter abgesehen hatten, aber zum Tatzeitpunkt herrschte unter den Spielern große Angst und Panik. Für diese schlimmen Dinge ist einzig und allein der Veranstalter des Turniers verantwortlich. Es gab keine ausreichenden Sicherheitsmaßnahmen.

Der Vorfall ereignete sich um ca. 14.15 Uhr. Bereits um 16.00 Uhr wurden die Turniere fortgesetzt. Keine zwei Stunden nach einem bewaffneten Raubüberfall durch mehrere Vermummte und Todesangst vieler Spieler entscheidet sich die Turnierleitung die Turniere fortzusetzen, ohne Rücksicht darauf, ob jemand sich in der Lage sieht weiterzuspielen oder nicht. Den Spielerinnen des Ladys Event und des 1.000 € No Limit Holdem Turniers wurde freigestellt ob sie weiterspielen wollten oder nicht, alle anderen wurden nicht gefragt. Ich habe mich mit zwei Spielern unterhalten, die sich in aussichtsreicher Position im Omaha-Siteevent befanden, beide wollten das Turnier an diesem Tag nicht fortsetzen, da sie zu aufgewühlt waren, es ging in diesem Event um ein Preisgeld in Höhe von über 50.000 €. Letztlich hatten sie nur die Möglichkeit zu entscheiden ob Sie weiterspielen oder sich ausblinden lassen und damit auf die Chance zu gewinnen verzichten. Der Gewinner des Main Event Kevin MacPhee war ebenfalls am Samstag in aussichtsreicher Position und hat nur unter Protest weitergespielt, er war richtigerweise der Meinung dass man bei solch einem Vorfall nicht zur Tagesordnung übergehen kann. Und eine Unterbrechung bis zum nächsten Tag für alle Beteiligten sinnvoll wäre. Letztlich wurde nur ein Event, nämlich das 1.000 € No Limit Holdem abgebrochen, aber wohl eher aus technischen Gründen, da sich die Chipstacks nicht mehr zu 100% konstruieren ließen und die Small Stacks aus dem Turnier ausgestiegen sind.

Nach all diesen Vorkommnissen und der katastrophalen Organisation gibt es wirklich Autoren von Onlinemagazinen die allen Ernstes behaupten, dass diese Herren gelobt werden sollten bzw. man ein großes Bravo an die Organisatoren der EPT spenden sollte. Entweder standen die Herren die solchen Blödsinn schreiben während der gesamten Woche unter Alkoholeinfluss oder er sie haben schlichtweg keine Ahnung. Wenn in meinem Unternehmen jemand unter solchem Realitätsverlust leiden würde, wäre eine fristlose Kündigung die Folge. Oder aber hängt es vielleicht damit zusammen, dass auf den Seiten bezahlte Werbeanzeigen von TK Poker Events (EPT-Turnierdirektor Thomas Kremser) und von PokerStars strahlen? Ich habe bisher eigentlich sehr viel von diesen Seiten gehalten und werde hier auch keine Namen nennen, allerdings ist solche eine Verdrehung der Tatsachen langfristig sicherlich schädlich für alle. Wollen wir hoffen, dass es sich hier nur um Einzelfälle handelt und irgendwann wieder objektiv berichtet wird.

Es ist aber nicht so, dass es Opportunisten nur bei den Autoren gibt, zumindest ein PokerPro zählt auch dazu. Als ich dieses Interview sah, traute ich meinen Augen nicht. Da stellt sich nach dem Ablauf der Geschehnisse vom Samstag nun wirklich ein PokerStars Pro ins Fernsehen und behauptet (ohne darauf angesprochen zu werden), dass die Kritik an der Sicherheit man so nicht stehen lassen könne und es genügend Sicherheitsleute gab. Was soll das denn? Versucht hier etwa jemand seinen Arbeitgeber in ein schönes Licht zu stellen? Geht es vielleicht auch um versicherungstechnische Angelegenheiten? Das Leute mit Rückgrat und eigener Meinung in unserem Land eine aussterbende Spezies sind, ist mir schon länger klar, dass man aber entgegen besseren Wissens einem Millionenpublikum die Unwahrheit sagt, hat mich dann doch überrascht.

Mit wenigen Maßnahmen hätte man eine schöne Turnierwoche ausrichten können. Wenn man den Ticketcounter an dem man das Buy-In zahlt im Casino in einem gesicherten Bereich eingerichtet hätte, wäre der Überfall so nicht möglich gewesen. Die Anzahl der Sicherheitskräfte erhöht und mit Waffen ausgestattet, hätte zu weiterer Abschreckung beigetragen. Die Probleme bei den Siteevents hätte man lösen können, in dem man einen Saal mehr mit 30 Tischen und den dazugehörigen Dealern anmietet, jeder hätte so ein Ticket erhalten. Resttickets 60 Minuten vor Turnierbeginn zu verkaufen, wäre ja in Ordnung gewesen, aber die Ticketcounter erst unmittelbar vor Turnierbeginn ohne Vorverkauf zu öffnen ist unprofessionell. Hätte man im Vorfeld Tickets für alle Events online zum Verkauf angeboten, wäre zum Einen viel weniger Bargeld vor Ort gewesen und zum Zweiten hätten Leute nicht sinnlos stundenlang angestanden um dann zu erfahren, dass sie doch kein Ticket mehr bekommen. Zudem war vor Ort eine Zahlung per Kredit- oder EC-Karte nicht möglich.

Noch ein paar Worte zum Cash Game, das gegenüber in der Spielbank Berlin stattfand, auch dort gab es chaotische Verhältnisse. Wartezeiten von 2 Stunden waren keine Seltenheit. Ganze 12 Tische im Erdgeschoss und 7 Tische im Obergeschoss, die meist nicht alle bespielt wurden, standen zur Verfügung. Am Samstag gegen 21.45 Uhr wollte ich mich auf die Warteliste setzen lassen, 57 Spieler waren vor mir. So macht Poker keinen Spaß. Zudem war die Qualität der Cashgame-Dealer teilweise sehr schlecht, bei einem Pot bis 100 € kassierte die Spielbank übrigens 10%!!!

Wer im Endeffekt der Hauptverantwortliche für die Chaoswoche von Berlin war ist schwer zu sagen, denn jeder weist die Schuld von sich. Fakt ist, dass PokerStars hinter der ganzen Sache steckt und letztlich auch die Verantwortung für das Geschehene tragen sollte. Es bleibt abzuwarten, ob sich bei den nächsten Veranstaltungen etwas ändert. Wenn nicht, muss man davon ausgehen, dass es nicht möglich ist ein Turnier in dieser Größenordnung in Deutschland zu veranstalten. Es wurde mehrmals versucht, aber es funktioniert nicht. Die Organisatoren haben es durch Ihren Dilettantismus ungewollt geschafft das ursprünglich Wichtige in den Hintergrund zu rücken und Hunderte unzufriedene Livespieler hinterlassen. Deswegen an dieser Stelle: Herzlichen Glückwunsch an den sympathischen Amerikaner Kevin MacPhee zum Gewinn des Main Events.

Euer
Michael Pirro

http://www.michael-pirro.de



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